Die Philippinen
Republika ñg Pilipinas

Der andere Orientale

von
Günter Schwarz & Rosalinda Morgado-Schwarz
© 2002
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Bukid Den Besucher, der die Philippinen das erste Mai bereist, erwartet eine besondere Überraschung. Die typischen Wahrzeichen der Nachbarländer, Hindutempel mit kunstvoll geschnitzten "Göttertürmen", goldene Buddhastatuen und hochaufragende Dagobas, sucht er vergebens; und nur im moslemischen Süden des Landes sind Moscheen und schlanke Minarette zu finden. Statt dessen trifft der Besucher von Nord-Luzon bis zu den Süd-Visayas auf Tausende von Kirchen und Gotteshäuser, deren verspieltes Barock den Formenreichtum der tropischen Umgebung spiegelt. Die Philippinen sind das einzige katholische Land in Südostasien, und es ist nicht verwunderlich, dass man eher an andere Landschaften erinnert wird - an Teile Mittelamerikas vielleicht.

Eine gewisse Inkongruenz scheint den 7107 Inseln zueigen zu sein, und selbst in bezug auf die philippinische Kost wird der Erwartungshorizont des Touristen durchbrochen, denn man verwendet keine scharfen Currys und keine stark gewürzten Satays. Vielmehr bietet die einheimische Küche eine ungewöhnlich milde, eher asketische Inseldiät mit konservativem, spanischem Einschlag und einer gewissen Portion chinesischen Einfallsreichtums. Natürlich kommt man auch hier nicht ganz ohne Chilis aus!

Kinderprozession Zwischen dem 21. und dem 5. Breitengrad, am äußeren Rand des Pazifischen Ozeans gelegen, bestehen die Philippinen eigentlich aus einer Reihe von halbversunkenen Gebirgsketten, die Teil einer großen Cordillera sind, die sich von Indonesien bis nach Japan zieht. In Nordsüdrichtung erstreckt sich das Land über 1840 km, während die größte Entfernung zwischen seinen äußeren östlichen und westlichen Punkten 1104 km beträgt. Y'ami in den Batangas liegt 241 km südlich von Taiwan, Sibutu, eine Insel der Tawi-Tawi-Gruppe, ist nur 48 km von Borneo entfernt, und etwa 1000 km weiter westlich stößt man an Chinas Grenze. Etwa 96 % der 300 780 qkm großen Landfläche werden von 11 großen Inseln eingenommen. Nicht mal eine von zehn philippinischen Inseln ist bewohnt. Die beiden größten Inseln, Luzon und Mindanao, umfassen 65 % der Gesamtfläche und beherbergen 60 % der ca. 83 Millionen Köpfe zählenden Bevölkerung. Die Landmasse des Archipels entspricht ungefähr der Italiens, ist etwas kleiner als die Japans und ein wenig größer als die Englands. Was den Küstenumfang anbelangt, so übertreffen die philippinischen Inseln, dank ihrer großen Anzahl, derjenigen der Vereinigten Staaten von Amerika.


Dreihundertfünfundzwanzig Jahre "Mönchokratie" und fünfzig Jahre "Uncle Sam"

Die herausfordernde Kombination von Meer und Gebirge hat sicherlich dazu beigetragen, dass das Inselreich keine wesentliche Rolle in der Geschichte Asiens spielte. Im Verlauf von Tausenden von Jahren sahen China, Indonesien, Indien und Indochina (das heutige Vietnam, Kambodscha und Laos) den Aufstieg und Fall großer Dynastien und mächtiger Reiche. Von diesen folgenreichen, historischen Ereignissen blieb der Archipel in geographischer und politischer Hinsicht unberührt. Er erlebte weder aufstrebende Königreiche, noch suchten ihn ehrgeizige Feldherren an der Spitze eroberungswütiger Armeen heim. Sogar, nachdem der Islam auf den südlichen Inseln Fuß gefasst hatte, was nicht einmal 1000 Jahre her ist, waren die Auswirkungen örtlich begrenzt. Die Inseln waren alles andere als eine Nation.

Als die Spanier, auf der Suche nach Gewürzen, im Jahre 1521 zufällig auf die Inseln stießen, fanden sie eine Ansammlung kleiner Sultanate und Königreiche vor, aber keine Zentralmacht. Die Eingeborenen waren Nachkommen der Völker, die im Laufe von 4000 Jahren eingewandert waren. Von malaiisch-polynesischem Ursprung, zu isolierten Familien- und Verwandtschaftsverbänden zusammengeschlossen, machte die Bevölkerungsstruktur es den Spaniern leicht, den Archipel zu kolonialisieren. Obwohl die Macht des Schwertes und kastilischen Kreuzes einen gewissen Grad an Einheit herstellte, blieben Differenzen zwischen stolzen Lokalgruppen bis heute bestehen; Streitereien, an denen weder das spanische Empire noch die Vereinigten Staaten etwas ändern konnten. Das Land ist von der Kolonialherrschaft tief geprägt worden, doch diese Zeit, dreihundertfünfundzwanzig Jahre Klöster, gefolgt von 50 Jahren "Uncle Sam", vermochte das charakteristisch Philippinische nicht zu zerstören.


Die malaiisch-polynesische Sprachfamilie

Letzten Zählungen zufolge gibt es derzeitig noch 111 kulturell und linguistisch voneinander verschiedene Volksgruppen auf den Philippinen. Die Nationalsprache, Pilipino oder Tagalog, ist der Dialekt der Tagalen aus Manila und Süd-Luzon. Darüber hinaus werden 70 weitere Sprachen und Dialekte der malaiisch-polynesischen Sprachenfamilie im Lande gesprochen. Da das Englische jedoch etwa 70 Jahre lang Hauptsprache war, kann man sich heute sogar in ländlichen Gebieten leichter mit den Einheimischen verständigen, als irgendwo sonst in Asien.

Der Filipino ist zwar ein enger Verwandter der Malaien und Polynesier und entfernter Verwandter der meisten südostasiatischen und pazifischen Volker, doch rinnt in seinen Adern ein Blut, dem auch ein paar indische, arabische, chinesische und spanische Tropfen beigemischt sind.


Ein ganz unorientalischer Orientale

Es ist durchaus möglich, Eigenschaften und Züge des Filipino zu entdecken, die er mit dem Mexikaner, Argentinier oder Indio gemein hat, die ebenfalls unter Madre Españas Regiment gefallen waren. Hinterlassenschaft der 400 Jahre währenden Hispanisierung sind ein Hauch von Mañana-Mentalität, Wankelmütigkeit, Eigensinn, ein Flair für Rhetorik und Stil, eine Vorliebe für Mode- und andere Torheiten und eine Musikalität, die philippinische Bands zu Top-Entertainern in asiatischen Nachtclubs machen.

Kein Wunder, dass dieses Geschöpf, ein aus der Art geschlagener Orientale, selbst im eigenen Land maßvoller Kritik ausgesetzt ist. Die Chinesen halten ihn für zu "amerikanisiert", um ihrem Mandarin-Geschmack zu entsprechen, Inder bestaunen die burleske Spielart des von ihm gesprochenen Standard-Englischs, und Malaien schütteln vor Verwunderung die Köpfe, wenn sie einen Malaien treffen, der so aussieht und spricht wie sie, aber kein Moslem ist.

Widerborstigkeit und Inkonsequenz erschweren ein Urteil über den Pinoy (so bezeichnen sich die Filipinos umgangssprachlich). Er vereint in sich malaysische Herzenswärme und Großzügigkeit, lateinamerikanisches Temperament, Gemütsschwankungen, die ihn plötzlich aus den blauen Wolken des Optimismus in schwermutige Verdrießlichkeit fallen lassen, Dreistigkeit und Anmut.

 

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